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I.P.I-Newsletter Mai 2010: Einladungen zu den Juni-Veranstaltungen

Gerne laden wir Sie zu zwei besonders interessante I.P.I-Veranstaltungen am 09....

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Newsletter März 2010

1. Ich-Bewusstsein zwischen Welt und Wahn +++ 2. Wasser, Leben und Intelligenz...

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IPI-Veranstaltungen Dezember 2009

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe I.P.I-Freunde für den 03. Dezember...

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Newsletter September 2009

1. Schulentwicklungs-Expertin Erika Risse in Wolfsburg +++ 2....

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Partnerschaftlicher Dialog zwischen Ost und West, Nord und SüdIntegration und soziale Partnerschaft

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Es gibt eine Avantgarde der Langsamkeit

Es gibt eine Avantgarde der Langsamkeit
Wie ist es mit dem Frieden und der Verbundenheit in Technik und Kunst bestellt? Ist Freiheit eine Legitimation der Willkür oder die Verpflichtung zur Verantwortung und Selbstregulierung? Bedarf unser Leben der Entschleunigung? Um diese Fragen ging es am Mittwochabend, den 18. Mai, im Alvar-Aalto-Kulturhaus. Stadtbibliothek und International Partnership Initiative hatten zur dritten Jubiläumsveranstaltung „Geist und Gehirn" geladen, und viele Interessierte waren gekommen, um zwei Wolfsburger Ikonen zu erleben: Prof. Dr. Walther Zimmerli, Präsident der TU Cottbus, der sich als Gründungspräsident der AutoUni immer noch eng mit Wolfsburg verbunden fühlt, und Prof. Dr. Markus Brüderlin, als Leiter des Kunstmuseums international bekannt und in allen Medien präsent. In der Pause spielte der Musikschüler Christian Biskup am Klavier Stücke von Pietro Mascagni und von Ludolf Nielsen.
"Die Voraussetzung für verantwortliches Handeln ist der freie Wille", begann Prof. Zimmerli seine Ausführungen. „Aber haben wir einen freien Willen? In der Neurobiologie wird er gerade abgeschafft", fuhr er fort und erläuterte, dass die Willensfreiheit schon in der Antike ein Ärgernis war, denn sie erforderte, Rechenschaft abzulegen über die Folgen des eigenen Tuns. Eine unbequeme Konsequenz des freien Willens ist nämlich die Schuldfähigkeit.

Heute fragt die Neurobiologie mit nach dem Zusammenhang von neuronalen und geistigen Prozessen. Mit ihren Messmethoden ermittelt sie eine Kausalität, die von den Neuronen ausgeht und auf den Geist zielt. Neurobiologen wie Gerhard Roth und Wolf Singer verkünden ihre Überzeugung, dass die Willensakte den neuronalen Akten nachgeordnet sind. Sie seien nur ein Effekt der Neuronen, die es uns im Nachhinein so erscheinen lassen, als hätten wir die Handlung willentlich durchgeführt. Danach wäre der freie Wille nur ein Epiphänomen und eine neuronale Illusion. Der Glaube daran brachte einen evolutionären Vorteil gegenüber seiner Leugnung. Doch führten sich die Gehirnforscher mit dieser Beweisführung selbst ad absurdum, konstatiert Zimmerli, und der neurobiologische Angriff auf die Metaphysik endet bei der alten Frage „Glauben oder Wissen?"

Ist jeder für alles verantwortlich?

Nach Schleiermacher resultieren Glaube und Religion aus dem Gefühl der Abhängigkeit. Autonomie bedeutet dagegen Selbstgesetzgebung. In diesem Sinne ist Freiheit nicht Willkür, sondern das Befolgen von selbst gesetzten Regeln. Autonomie führt zu der Autorität, zwischen guten und schlechten Optionen unterscheiden zu können. Verantwortung bedeutet, nach den Folgen zu fragen. Dagegen steht die Gesinnung, die den Erfolg Gott anheim stellt (Kant). Verantwortung fragt nach dem Wer, Wofür und Wem-gegenüber. Verantwortlich ist man mit seinem Vermögen, Ruf und Leben. Wer sich auf Institutionen beruft, drückt sich vor der Verantwortung, denn letztlich ist immer das Individuum selbst verantwortlich für seine Handlungen. Sartre erkannte: Da alles mit allem zusammenhängt, ist jeder für alles verantwortlich.

Auch in der Technik muss das Individuum für die Folgen eintreten, die es verursacht hat. Da man aber im technischen Handeln niemals alle Folgen kennen kann, darf man keine Prozesse in Gang bringen, deren Auswirkungen nicht erforscht sind. Man darf auch nie aufgrund von Kosten-Nutzen-Erwägungen auf Sicherheitsvorkehrungen verzichten. Gerade im Bereich der Kernenergie wurde deutlich, dass die Folgen erheblich teurer werden können als vernünftiges Handeln von Anfang an. „Warum lernen wir nicht aus unseren Fehlern und tragen nicht die Konsequenzen aus den vergangenen Unfällen?" fragt Zimmerli und vermutete: „Irgendwie ertragen wir den Gedanken an die Atomgefahren nicht. Weil wir die Hoffnung brauchen, reagieren wir nicht auf die Prognosen. Oder wir haben alle das Kassandra-Bedürfnis nach der kulturpessimistischen Aussage, es gehe sowieso alles den Bach herunter."

Frieden und Technik

Friede ist die Übereinstimmung der Handlungen mit dem Gewissen. Der innere Friede ist die Voraussetzung für den äußeren Frieden. Der Friede ist aber heute auch eine Angelegenheit der Technik und ergibt sich aus dem Umgang mit den Ressourcen. Inzwischen kristallisiert sich eine neue Herausforderung heraus: Die Abwägung von Arbeitsplätzen versus heiler Umwelt. Wo wird heute der Wert der Arbeit angesiedelt? Der menschliche Anteil an der produzierenden Arbeit sinkt deutlich. Kann die vollautomatisierte Produktion eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Frieden sein? Ist ein Arbeitsfriede ohne Arbeit möglich? Es wäre verantwortungslos, die sich anbahnende arbeitslose Gesellschaft nicht zu berücksichtigen. Doch je technologischer die Prozesse ablaufen, desto undurchsichtiger sind ihre Folgen, das gilt besonders für Finanzprozesse. Friede den Menschen, die an die Folgen einer zunehmenden Technologisierung denken! wünschte sich Zimmerli zum Schluss.

Kunst und Entschleunigung

Prof. Brüderlin suchte die Allverbundenheit in der ästhetischen Praxis. Die Kunst forscht seit langem nach einem kollektiven Unbewussten, erläuterte er. Künstler suchen eine geeignete Sprache, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Was ist zwischen der Materie, zwischen den Menschen und den Objekten? Rilke spricht von einem unendlich ausgedehnten Innenbereich. Für ihn ist Geist der eigentliche Raum der Verbundenheit. Die ganzheitliche Vorstellung ging jedoch im Jahr 1925 verloren, als beispielsweise das Bauhaus nach Weimar zog und Rudolf Steiner starb. Um diese Verbindung wieder herzustellen, setzt Brüderlin auf Entschleunigung.

Wir leben in einem Zeitalter der Reizüberflutung und der rasenden Mobilität. Wenn man allerdings die vielen Staus berücksichtigt, steht das Auto eher für die Paradoxie des rasenden Stillstands, meinte er ironisch. „Ich weiß zwar nicht, wohin ich will, aber ich will schneller dort sein", brachte er den Zeitgeist auf den Punkt. In der Arbeitswelt kann man den Rhythmus nicht selbst bestimmen, er ist vorgegeben. Die Beschleunigung der Kommunikation ist ein Bedürfnis geworden. Für Teenager spielt das Handy eine entscheidende Rolle in der Pflege von Freundschaften. Wer nicht ständig an das Netz angeschlossen ist, ist ausgeschlossen. Wird da das Gehirn richtig kolonialisiert? fragte sich der Kunstvermittler.

Die (Wieder)Entdeckung der Langsamkeit

Die Ökonomisierung durchdringt alle Lebensbereiche und setzt uns dem Entscheidungsstress aus. Dabei wäre Konsumverzicht eine effektive Art der Entschleunigung. Im Gegensatz zum realen Vorbild hat der Schriftsteller Sten Nadolny die Langsamkeit wieder entdeckt als einer Art Beharrlichkeit bei durchaus modernen Idealen. Das ist kein Plädoyer für den Konservativismus, sondern richtet sich gegen die Fremdbestimmung durch Technik. Langsamkeit bedeutet in diesem Sinne nicht Trägheit oder Müßiggang, sondern wir müssen entschleunigen, um weiter zu kommen. Es gebe auch eine Avantgarde der Langsamkeit, sagte Brüderlin. Sogar die Werbung hat das Abschalten und die Auszeit wieder entdeckt. Allerdings seien Be- und Entschleunigung nur zusammen zu denken und müssten dialektisch behandelt werden.

Sein ist in der Ruhe und in der Bewegung. Heute werden Schlüsselbegriffe wie Intuition, Empathie und Emotionalität ernst genommen und wissenschaftlich erforscht. In der Kunst ist die Langsamkeit der Beachtung gemeint. Für die Kunstwahrnehmung ist Kontemplation erforderlich, um komplexe Zusammenhänge zu erkennen. Man kann vieles über Bilder besser wahrnehmen als über Formeln. Die Japanausstellung des Kunstmuseums thematisiert z.B. die Leere, die in Asien eine erfüllte ist. In Bauhaus und im Teehaus wurden viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Die Moderne wurde immer mit Beschleunigung assoziiert. Sie enthält aber auch die Entschleunigung, wie z.B. im Reduktionismus deutlich wird oder in den Stillleben und windstillen Stadtlandschaften des Giorgio de Chirico, mit denen er den Surrealismus vorwegnahm.

Dynamik braucht Stabilität

Statische Bilder sind entschleunigte Sonderfälle. Kinetische Kunst besteht aus Installationen, die sich langsam drehen. Auch die Videokunst setzt zunehmend auf langsame Filme, in denen die Bewegung statisch wird. So wurde Hitchcocks Film „Psycho" auf 24 Stunden ausgedehnt. Umgekehrt gibt es auch Versuche, ein Bild in Bewegung zu setzen (Circulis). Im Neoplastizismus repräsentiert Piet Mondrian den Stil der Moderne und zeigt, dass Dynamik ohne Stabilität nicht möglich ist. Diese moderne Form der Allverbundenheit entspricht auch der plastischen Struktur des Gehirns, dessen physiologische Verdrahtung nur durch Meditation änderbar ist.

Kubricks „2001 - Odyssee im Weltall" (1968) war ein Manifest für die visuelle Entschleunigung dramatischer Szenen. Im gleichen Jahr wurden auch in der Politik die Grenzen des Wachstums deutlich in Form der Ölkrise. Wirtschaft wächst nicht, sondern wuchert wie ein Krebsgeschwür, meinte der Museumsdirektor. Dahinter steht das Motto: „Ich wachse schneller als ihr." Finanzmärkte wuchern ebenfalls, und durch die Internet-Beschleunigung entstehen entfesselte Turbo-Finanzkrisen. In diesem Tempo kann man weder produzieren noch konsumieren.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei erinnert in seinem Werk „Die Reisschüssel" daran, dass jedem Einwohner seine angemessene Ration an Nahrungsmitteln garantiert werden sollte. Heute haben viele Menschen gar keine Schüssel mehr, müssen aber trotzdem überleben. Ai Weiwei ersetzte die Reiskörner durch Süßwasserperlen und die eiserne Schüssel durch Porzellan als Symbole für die veränderte chinesische Gesellschaft mit ihrer Leidenschaft für materiellen Reichtum und die Verletzlichkeit der Wirtschaftsblase. Die Chinesen haben sich den westlichen Lebensgewohnheiten und Kapitalmärkten schnell angepasst, ihr Konsumwille steigt exponential, und die Bedürfnisse explodieren. Nicht mehr die Partei, sondern das Geld regiert in China. Freiheit und Demokratie sind abstrakte Begriffe für die Chinesen. Darf man ihnen unsere Werte aufzwingen? Brüderlin plädierte dafür, denn der Weltfriede stehe auf dem Spiel. Bisher hat noch keine Demokratie eine andere Demokratie angegriffen, sagte er. Diese These gilt es zu verifizieren.

Text: Birgit Sonnek