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I.P.I-Newsletter Mai 2010: Einladungen zu den Juni-Veranstaltungen

Gerne laden wir Sie zu zwei besonders interessante I.P.I-Veranstaltungen am 09....

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Newsletter März 2010

1. Ich-Bewusstsein zwischen Welt und Wahn +++ 2. Wasser, Leben und Intelligenz...

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IPI-Veranstaltungen Dezember 2009

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe I.P.I-Freunde für den 03. Dezember...

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Newsletter September 2009

1. Schulentwicklungs-Expertin Erika Risse in Wolfsburg +++ 2....

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Partnerschaftlicher Dialog zwischen Ost und West, Nord und SüdIntegration und soziale Partnerschaft

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Nobelpreisträger Hans Peter Dürr in Wolfsburg

„Sie haben uns überrumpelt", gestand Bibliotheksleiterin Petra Buntzoll in ihrer Be-grüßungsrede dem Publikum, denn der neu renovierte Hörsaal des Alvar-Aalto-Kulturhauses platzte am Mittwochabend aus allen Nähten. Es waren so viele Zuhörer zur Jubiläumsveranstaltung von „Geist und Gehirn" gekommen, dass einige auf den Treppenstufen sitzen mussten. Doch sie wurden belohnt durch die Vorträge der beiden Professoren Jochen Hinz und Hans Peter Dürr. Besonders Dürr, der berühmte alte Herr der Quantenphysik, wurde mit Begeisterung empfangen und erhielt immer wieder spontanen Zwischenapplaus.

Auch in der Pause ging es hoch her, als sich lange Schlangen vor dem Büffet bildeten und sich jeder sein Gratis-Glas Wein abholte. Die Ausstellungseröffnung der Künstlerin Ruthild Tillmann versank ein wenig im allgemeinen Trubel, als die Gleichstellungsbeauftragte Beate Ebeling tapfer gegen den Lärm anzureden versuchte, doch fanden Tillmanns Sandbilder die ihnen gebührende Aufmerksamkeit.

Jochen Hinz wagte eine mutige Denk-Akrobatik, indem er die vier Ursachensysteme von Aristoteles (causae materialis, formalis, efficies und finalis) in das von ihm erweiterte Bewusstseinsmodell von C. G. Jung einbaute. Danach besteht die menschliche Psyche aus verschiedenen Bewusstseinsschichten: Ganz unten befindet sich das kollektive Unbewusste, darüber das persönlich Vergessene, darüber das wache Bewusstsein und ganz oben das Ich (Jung). Jede dieser Instanzen ist mit den Instanzen aller anderen Psychen verbunden, allerdings nicht durch die Kausalität von Ursache und Wirkung, sondern durch Sinn (Hinz).

DIE ZUKUNFT EXISTIERT SCHON IM JETZT

Weiter erläutert der Psychologe, dass das Kant’sche Apriori durch Konrad Lorenz als Vertreter der Evolutionären Erkenntnistheorie zu einem Aposteriori erweitert wurde. Das heißt, unsere Erkenntnisstrukturen sind nicht bereits vor aller Erkenntnis vorhanden, sondern das Ergebnis eines evolutiven Lernprozesses. Und die Kausalitäten von Aristoteles wurden von Rupert Riedl durch Wahrscheinlichkeiten ersetzt. Nach dem neuen Modell wird Wirklichkeit konstelliert, indem das Bewusstsein aus zahllosen Möglichkeiten eine einzelne auswählt. Das ist eine freie Entscheidung.

Die Zukunft existiert schon im Jetzt, da wir sie durch Abwägen von Zukünftigem in die Gegenwart hineinnehmen. In der Spekulation ergibt sich ein Nebeneinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es handelt sich um feldhafte Überlappungen in den individuellen Bewusstseinen, die wiederum mit dem kollektiven Unbewussten verbunden sind. C. G. Jung stellt den Archetypen der Vergangenheit die Prototypen der Zukunft gegenüber, die letztlich den Zeitgeist bilden.

DAS BEWUSSTSEIN SCHAFFT DIE REALITÄT

Im Lebendigen wirken chaotische Systeme, erklärte Jochen Hinz. Sie konditionieren den klassischen Gehirngeist und ermöglichen Synchronizitäten, das sind gleichzeitige Ereignisse auf verschiedenen Bewusstseinsebenen. Dazu ist gleichzeitig Offenheit und Stabilität erforderlich. Die Quantenmechanik erlaubt das Wagnis einer transaktionalen Interpretation von Wirklichkeit: Für die Erzeugung eines Ereignisses ist das Bewusstsein verantwortlich, das aus unendlichen Möglichkeiten eine auswählt.

Nach John G. Cramer trifft dabei eine Angebotswelle aus der Zukunft in unserer Wahrnehmungs-Situation auf eine Resonanzwelle aus der Vergangenheit. So wird ein Ereignis aus dem Raum der Möglichkeiten erzeugt. Resonanzwellen aus der Potenzialität der Zukunft treffen über die Einstellung des Einzelnen auf Resonanzwellen aus der Vergangenheit. Das Individuum moduliert seine persönlichen Möglichkeiten auf diese Trägerwellen, die in ihrer Gesamtheit eine kollektive Resonanz bewirken.

„Es gibt gar keine Materie", verkündete Hans Peter Dürr dem erstaunten Publikum. Das war die revolutionäre Erkenntnis der Quantenphysik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die einen Brückenschlag zwischen Wissenschaften und Religionen ermöglicht. Doch die heutigen Experten wissen nur das, was sie verstanden haben, und das ist nicht das Interessante. Wir befinden uns im Zustand der Schizophrenie: Mit dem Denken des 19. Jahrhunderts und der Technik des 20. Jahrhunderts wollen wir das 21. Jahrhundert gestalten. Wir müssen lernen, auf eine andere Weise zu denken.

DIE WIRKLICHKEIT BESTEHT AUS MÖGLICHKEITEN, NICHT AUS MATERIE

„Wenn Sie denken, Sie verstehen nichts, sind Sie ganz nahe daran, was ich sagen will" führt er weiter aus und erntet Gelächter. „Ich hab’s verstanden, aber nicht begriffen, das ist genau richtig formuliert." In der Wissenschaft wird die Wirklichkeit zur Realität verstümmelt, in der Biologie gibt es keine Lebendigkeit mehr, klagt er. Schon die Sprache konstruiert ein Modell, und dieses Modell wird betrachtet, nicht die Wirklichkeit. Wissenschaftler kennen nur das Entweder-oder. Doch wir können uns auch selbst erleben ohne zu reflektieren.

Das mechanistische klassische Weltbild besagt: Die Materie ist primär, Gestalt und Form sind sekundär. Doch ist die Wahrnehmung beschränkt durch unseren Maßstab, eingeschränkt durch das Netz unserer Erkenntniskategorien. In Wirklichkeit ist das Ding ein Prozess. Ein Teilchen ist ein Passierchen. Die Intuition ist viel reicher als die Reflektion. Im quantenphysikalisch-holistischen Weltbild ist die Wirklichkeit eine Potenzialität, keine feststehende Realität. Sie besteht aus Möglichkeiten von Ereignissen, und Materie ist sekundär. Nur die Verbindung existiert, nicht das, was „ist".

Wirklichkeit basiert auf reinem Beziehungsgefüge unterhalb der Atome. Die Welt ist nur das Dazwischen. Ebenso besteht eine Melodie nicht aus Noten, sondern aus der Verbindung von Tönen. Im Computer findet man nur Nullen und Einsen, im Gehirn nur Neuronen. Die sagen aber nichts aus. Nur ihre Anordnung ist relevant, das Dazwischen ergibt den Sinn. Es gibt keine Teilchen, nur Wellen, die das ganze Universum durchdringen. Wir alle sind durch sie mit allem verbunden und befinden uns keinesfalls lokalisiert auf diesem Stuhl. Im Hintergrund ist immer eine Verbindung da.

LEBEN IST SCHÖPFUNG

Die DNA ist elektrisch, nicht materiell. Ihre Teilchen werden immer als Bällchen dar-gestellt, die sie nicht sind. Sie haben Schwänze, die bis zum Ende des Universums ziehen. Die Doppel-Helix gleicht eher einem Gedicht: Ich muss den Sinn verstehen, und der steckt nicht im Detail, sondern im Zusammenhang. Wir alle sind Teilhabende an einer Schöpfung. Aber warum tut sie so, als wären wir getrennt voneinander und hätten diesen Abstand? Durch unsere Kultur stoßen wir uns selbst aus dem Organismus des Lebendigen aus und verbarrikadieren uns den Weg.

Die Zukunft ist offen und besteht aus unendlichen Möglichkeiten. Diese Offenheit ist aber nicht beliebig, sondern eingeschränkt: Absurde Ideen haben keine Chance, sich durchzusetzen. In der alten Vorstellung war die Welt berechenbar, aber die neue Vorstellung erlaubt Kreativität. Evolution bedeutet nicht das Entfalten von etwas Feststehendem, sondern das Entstehen von etwas ganz Neuem. Nur die Wirks entfalten sich und sind damit die fundamentale Lebendigkeit. Wir brauchen keinen Urknall anzunehmen, in dem alles Bestehende enthalten war, sondern es knallt die ganze Zeit. Wir haben die Fähigkeit, etwas zu verändern, die Quantentheorie erlaubt ein Sowohl-als-auch. Die Wirklichkeit ist ein informierter kreativer Kosmos. Alle Weisheit ist im Hintergrund ständig da, sie geht nicht verloren.

ALLES IST MIT ALLEM VERBUNDEN

Zum Schluss demonstriert der große Quantenphysiker an einem Pendel, das er vor-her auf dem Tisch installiert hat, wie Ereignisse vom Mikrokosmos in den Makrokosmos gelangen: nämlich durch chaotische Mechanismen. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann gewaltige Umwälzungen bewirken. Auf dem Punkt der Instabilität lösen winzige Störungen große Katastrophen aus. In dem Moment, wo das Pendel still steht, herrscht die größte Sensibilität. Jetzt kann eine winzige Einwirkung von außen es eine andere Richtung lenken und dadurch etwas völlig Neues bewirken.

„Wir sind durch Liebe verbunden, nicht durch Geist", gibt uns der Achtzigjährige mit auf den Weg. „Wir können die anderen spüren, die Verbindung ist immer da." Das Lebendige entfaltet sich durch kooperative Integration, das ist eine Symbiose. Das analytische Konkurrenzdenken sollte endlich verschwinden. „Warum betrachten wir uns als Feinde?" fragt Dürr und antwortet: „Wir haben Angst. Wir befinden uns im Zustand der höchsten Instabilität und können ständig in eine andere Richtung stürzen, aber wir brauchen Ruhe und Langsamkeit, um das alles zu verstehen."

Zwei Botschaften hält er noch zum Abschied bereit: Wenn wir reden, ist die Information gar nicht wichtig. Aber wir erinnern die anderen an etwas, das sie schon wissen. Das Wissen ist allgegenwärtig. Wir haben alle die Antwort in uns und müssen nur erinnern, nicht überzeugen. Zweitens: Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst. Unsere Geschichte ist voll von Katastrophen. Aber die Kooperation war immer stärker als die Konkurrenz, die Symbiose größer als die Kriege, sonst wären wir gar nicht hier. In diesem Zusammenhang nennt er die Frauen, die mit ihrer Geduld immer die Struktur vorgegeben haben.

Birgit Sonnek 05.05.11